Steine für verträumte Kinder

Verträumte KinderDer sechsjährige Paul will ein Buch lesen. Auf dem Weg vom Bücherregal auf die Couch, es sind nur fünf Schritte, bemerkt er ein Spielzeugzebra auf dem Sessel. Er biegt ab, nimmt das Zebra in die Hand und beginnt damit zu spielen.

Ich sage „Paul“, lächle ihn an, zeige ihm das Buch und frage „Wollten wir nicht lesen?“ Paul blickt auf „Ach ja.“ Seine Hände lassen das Zebra los und er macht sich wieder auf den Weg zu mir.

Bei seinem zweiten Schritt entdeckt er die farbigen Holzbausteine am Boden und schon ziehen sie Pauls Aufmerksamkeit in seinen Bann. Im nächsten Augenblick sitzt Paul in der Hocke vor den Bausteinen und fängt an damit zu bauen.

Ich sage „Paul“ und halte das Buch wie eine Urkunde in meinen Händen. Paul braucht abermals meine Stimme, damit er zu mir schaut, aufsteht und zu mir rüberkommt. Er erinnert sich jetzt wieder an das Buch, das er lesen will.

Verträumte Kinder haben oft viel Fantasie

Paul kann seine Gedanken und Ideen offenbar nicht festhalten. Er verliert sie immer wieder. Kaum erblickt er etwas, macht sich seine Fantasie schon ans Werk. Eine Idee jagt die nächste, wie Schlittenhunde, die in verschiedene Richtungen ziehen. Paul folgt jedem Gedanken-Schlittenhund und verliert dadurch seinen Weg, sein nächstes Ziel – da, wo er eigentlich hin wollte.

Wie helfen?

Was kann Paul dabei helfen, seine Gedanken und Ideen festzuhalten? 

Manchmal hilft etwas zum Angreifen wie zum Beispiel ein Stein. Er dient als Anker, um seine Gedanken, seine Ideen nicht zu verlieren.

Paul sucht sich beim nächsten Spaziergang am Bach einen besonderen Stein aus. Diesen Stein will er am nächsten Tag fest in seiner Hand halten, um nach der letzten Schulstunde daran zu denken: „Ich will jetzt zu Oma gehen. Sie wartet vor der Schule auf mich.“

Der Stein in der Hand soll ihm helfen, diesen Gedanken festzuhalten und ihn auch nicht zu verlieren, wenn er auf dem Weg zu Oma andere Kinder oder interessante Kieselsteine am Boden erblickt.

Paul kann sich dann sagen: „Und wenn ich etwas sehe, das mir gefällt, drücke ich den Stein in meiner Hand und bleibe trotzdem auf meinem Weg vom Schulhaus bis zu Oma.“

Probieren Sie es aus

Manchmal brauchen Sie viel Geduld. Doch denken Sie daran: Schimpfen hilft gar nichts. Es macht Kindern nur Angst und sie lernen nichts Neues dazu, um mit ihren Schwierigkeiten umzugehen.

Also bleiben Sie ruhig, wenn es nicht gleich klappt und die Fantasie wieder stärker ist als der Stein. Atmen Sie tief durch. Und bleiben Sie gelassen. Sie können das immer besser schaffen. Das verspreche ich Ihnen. Sie müssen nur genauso oft und lange üben, auf das Schimpfen zu verzichten, wie Ihr Kind den Stein drücken muss.

Bleiben Sie liebevoll mit sich selbst und mit dem Ihnen anvertrauten Kind. Vielleicht hilft auch Ihnen ein Stein in der Hand, der Sie daran erinnert 🙂

Herzlich
Ihre
Simone Fröch


Bild © Weigand/Photocase
 
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