Hilfe, mein Kind wehrt sich nicht!

Ängstliche Kinder trauen sich manchmal nicht, anderen gegenüber spürbare Grenzen zu setzen. Und viele Eltern verzweifeln, wenn sie ihnen dabei zuschauen müssen.

Der 8-jährige Max wird von seinen zwei Schulkollegen geärgert. Immer wieder nehmen sie ihm seine Jacke weg. Max sagt: „Hört jetzt bitte auf.“ Doch seine Botschaft scheint nicht anzukommen, im Gegenteil: Die beiden Rabauken machen weiter und amüsieren sich prächtig dabei …

Typische Verhaltens-/Denkweisen unsicherer Kinder:

Ängstliche Kinder leben in einer Welt von Befürchtungen.

  • Sich zu wehren bedeutet, dass man anderen gegenüber eine Grenze zieht. Doch ein ängstliches Kind ist in der Regel zurückhaltend: Es ist eher still, passiv, lässt mehr mit sich machen. Gemeinerweise wird genau das ausgenutzt, denn gerade sogenannte „Bullies“ suchen sich Kinder mit möglichst wenig Gegenwehr.
  • Meistens gehen unsichere Kinder bei Grenzüberschreitungen einen Schritt zurück, aus Angst, dass es sonst noch schlimmere Folgen geben könnte. Hilfe holen und es der Lehrerin sagen wären eine Möglichkeit. Das könnte dazu führen, dass es noch mehr gehänselt wird oder noch schlimmer, als Petze beschimpft wird. Lieber nicht.
  • Doch „sich wehren“ braucht man nicht nur beim Geärgertwerden. Beim Nein sagen, Bedürfnisse durchsetzen oder wenn man etwas einfach nicht mag, das andere tun oder sagen, widersprechen ängstliche Kinder oft nicht – auch wenn ihnen etwas nicht behagt und sie sich damit nicht wohlfühlen.

Typische Eltern-Reaktionen, die Ihrem Kind nicht weiterhelfen:

Als Eltern möchten wir unser Kind unterstützen, besonders dann, wenn es leidet.

Manche Eltern verstehen nicht, warum sich ihr Kind nicht lautstark wehrt. Oder vielleicht ist es ihnen früher ähnlich gegangen, und sie möchten ihr Kind ermutigen, nicht alles mit sich machen zu lassen – oder Sie waren selbst kleine „Sekkierer“ (österr.).

„Gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht“, heißt es – und tatsächlich reagieren engagierte Eltern oft kontraproduktiv, zum Beispiel:

  • „Aber dann tu doch…“, „Dann musst du halt…“, „Das kann doch nicht so schwer sein…“, „Das ist doch ganz einfach…“ – Selbst wenn die Idee dahinter noch so gut ist. Das erste Signal, was Ihr Kind bekommt ist: Ich werde nicht verstanden. Oder noch schlimmer: Meine Gefühle und meine Reaktion, also ich, sind nicht in Ordnung. Das ohnehin schon verschreckte Kind zieht sich noch mehr zurück.
  • Es ist ganz menschlich, die Geduld zu verlieren. Vor allem, wenn man die „richtige“ Lösung zu wissen glaubt oder schon oft empfohlen hat. Manche Eltern wissen sich nicht mehr zu helfen und sagen dann Dinge wie: „Wenn du das nicht tust/hinkriegst, darfst du bei mir nicht mehr jammern!“ oder: „Das macht mich traurig.“ Jetzt kämpft das Kind nicht nur mit seinem eigenen Kummer, sondern noch dazu mit den gefühlsmäßigen Reaktionen seiner Eltern.
  • Wenn Eltern die Dinge selbst in die Hand nehmen, kann das das Problem noch verstärken: Jetzt also selbst mit den AngreiferInnen zu reden, ihre Eltern anzurufen oder zur Lehrerin zu gehen, ist im äußersten Notfall richtig und wichtig. Vorher jedoch können Sie Wege suchen, um Ihr Kind so zu stärken, dass es nach und nach lernt, wie es sich selbst wehren kann.

Drei konkrete Verhaltenstipps für Eltern und Kinder:

(1) Hören Sie Ihrem Kind gut zu, ohne direkt eine Meinung oder einen Rat dagegenzusetzen. Signalisieren Sie durch Ihr Zuhören, aber auch durch Ihr Mitfühlen, dass Sie es verstehen. Sätze wie „Das war nicht in Ordnung, dass sie dich geärgert haben.“ oder „Das war ganz schön gemein, dass Fritz und Andreas nicht aufgehört haben, deine Jacke wegzunehmen!“ sind wichtig.

Sie zeigen Ihrem Kind, dass seine Gefühle richtig sind und dass das Verhalten der anderen so auch in Ihren Augen nicht okay ist. Auch wenn es nicht sofort in der Lage ist, sich anders zu verhalten, weiß es innerlich: Ich habe Recht, wenn ich mich schlecht fühle. Ich habe das Recht, zu sagen, wenn mir was nicht passt. Und die anderen haben meine Grenze nicht akzeptiert. Sie haben etwas falsch gemacht.

(2) Versuchen Sie herauszufinden, was Ihr Kind davon abhält, sich angemessen zur Wehr zu setzen. Welches Gefühl und welcher Gedanke könnten es daran hindern, seine Stimme lauthals zu erheben, seine Körpersprache entsprechend einzusetzen, um den Rabauken klar und sicher zu signalisieren: „Jetzt reicht’s!“ „Schluss mit lustig!“ ?

Fragen Sie Ihr Kind nach seinen Gefühlen und Gedanken. Wenn es nicht beantworten kann, wie es sich fühlt oder was es denkt, dann versuchen Sie, sich in Ihr Kind hineinzuversetzen und zu erfühlen, was könnte mein Kind in so einer Situation ängstigen, ihm den Mut nehmen?

Auch hier wieder: Es geht noch nicht darum, direkt eine Lösung zu finden. Sie sollten Ihr Kind ja zunächst stärken. Das geschieht schon, indem Sie ihm helfen, seine Gefühle zu benennen – seine Bedürfnisse zu sagen oder auch, was für sie frustrierend ist.

(3) Was Kindern sehr gut helfen kann, sind Übungen, wie man energisch eine Grenze setzt. Vermitteln Sie Ihrem Kind, dass Sie nicht erwarten, dass es gleich in den ganz schwierigen Situationen gegenüber den anderen das nächste Mal aktiv wird. Sondern üben Sie einfach gemeinsam in harmlosen Situationen, in kleinen Rollenspielen.

Sagen Sie ihm, wie schwierig es manchmal auch Ihnen fällt, anderen zu sagen, wenn sie etwas nicht tun sollen, die richtige Gegenwehr zu finden: „Ja, es ist manchmal gar nicht so leicht, zu sagen, wenn einem was nicht passt. Das Schöne ist, dass man das total gut zuhause üben kann. Und dann wenn man es dann später mal braucht, weiß man schon viel besser, wie es geht – und dann fühlt es sich auch ganz gewohnt an.

Sie können Ihrem Kind eine leicht zu merkende Anleitung geben. Bewährt hat sich zum Beispiel:

  1. Einmal konkret bitten, was man möchte: „Gebt mir bitte meine Jacke wieder.“
  2. Energisch, klar und mit Aufforderungscharakter einen Appell schicken: „Hört jetzt sofort auf!“
  3. Aufstehen, Hände in die Hüfte stemmen, sich groß machen und mit Konsequenzen drohen: „Hört sofort auf. Wenn ihr das noch einmal macht, dann sag ich es der Lehrerin.“

Gerade unsichere Kinder können enorm vom spielerischen Grenzensetzen im geschützten Raum lernen. Am besten wirkt das natürlich, wenn Ihr Kind erlebt, dass es auch Ihnen gegenüber klar sagen kann, wenn ihm etwas nicht gefällt – und Sie es dann auch ernst nehmen.

Herzlich
Ihre
Simone Fröch


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