Ängstliche Kinder: Nähe und Beschützen allein hilft nicht

Geht es Ihnen manchmal auch so? Sie schenken Ihrem Kind all Ihre Aufmerksamkeit und Liebe. Dennoch kommt es in manchen Situationen aus seiner Angst nicht heraus.

Die zweijährige Sophie wird von ihrer Mama zu einem Kindergeburtstag gebracht. Als sie die vielen Kinder erblickt, bleibt sie vor der offenen Türe stehen, versteckt sich hinter den Beinen ihrer Mama und will nicht rein gehen. Der Mama bricht bei diesem Anblick fast das Herz. Sie weiß sich nicht zu helfen. So nimmt sie ihre Sophie fest in die Arme und findet tröstende Worte.

Es tut mir jedes mal so richtig leid, wenn ich in meiner Praxis sehe, wie engagierte Eltern ihren sensiblen Kindern dabei helfen wollen, ihre Angst zu besiegen und ihre ganze Kraft dafür einsetzen, möglichst liebevoll und beschützend für ihr Kind da zu sein.

Doch die Zuwendung scheint nicht zu nützen – im Gegenteil, anstatt kleiner zu werden bläst sich die Angst nur noch weiter auf wie ein Luftballon.

Was passiert, wenn wir Kindern in schwierigen Situationen immer nur Nähe schenken und sie nicht ermutigen, die Angst zu bewältigen?

Ängstliche Kinder suchen instinktiv Nähe und Schutz, zum Beispiel verstecken sie sich wie Sophie. Der erste Impuls feinfühliger Eltern ist, diese schutzspendende Nähe zu geben. Und seien wir ehrlich, es ist ja schon ein schönes Gefühl, gebraucht zu werden.

Unmittelbarer Körperkontakt wirkt beruhigend. Die ängstlichen Gefühle werden schwächer. Das fühlt sich für Kind und Eltern gleich deutlich besser an als vorher. Doch damit allein ist es noch nicht getan, wenn Sie dafür sorgen wollen, dass Ihr Kind groß und stark wird. Denn dazu gehört es, zu lernen, sich seinen Ängsten zu stellen.

Wenn Kinder als Antwort auf ihre Angst nur Nähe erfahren, dann lernen sie auch nur, dass die Nähe einer anderen Person sie beruhigt. Das macht sie mehr oder weniger abhängig von einer zweiten Person.

Aber ist Nähe nicht unverzichtbar für ängstliche Kinder?

Menschliche Nähe ist für uns alle wie Nahrung. Die Nähe einer feinfühligen und verlässlichen Bezugsperson ist für jedes Kind überlebensnotwendig. Doch bestimmt immer die Dosis über Wirkung und möglicherweise über unbeabsichtigte, unerwünschte Nebenwirkungen.

Je kleiner das Kind, desto größer das Schutzbedürfnis. Doch hat jedes Kind neben seinem Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz von Beginn an das Bedürfnis nach Autonomie. Es will erleben, dass es die Dinge neugierig erforschen oder aktiv beeinflussen kann. Es liegt in seiner Natur, dass es erleben will, wie es aus eigener Kraft Herausforderungen meistern kann. Dazu zählt auch die Erfahrung, Ängste zu bewältigen.

Jedes Kind will „groß werden“. Es braucht unsere Unterstützung, damit es selbstbewusst und sicher in die Welt hinausgehen kann. Dazu ist es notwendig, dass Sie Ihrem Kind helfen, seine Angst zu erkennen, sie zu akzeptieren (den guten Grund dafür sehen) und sie gemeinsam mit ihm auszuhalten. Denn die Angst will uns immer etwas Wichtiges über die Welt oder uns selbst sagen.

Das alleine ist noch nicht ausreichend, wenn es darum geht Strategien zur Angst-Bewältigung zu entwickeln und den Mut zu wecken, um über die Angst hinauszuwachsen.

Sensible, schüchterne und ängstliche Kinder brauchen eine starke, sichere Person an ihrer Seite, die ihnen hilft zu lernen wie das geht. Denn Angst kann die kindlich angeborene Neugier wie in Ketten legen. Deshalb ist es wichtig, das beengende Kettenhemd der Angst abzustreifen. Damit Ihr Kind frei werden kann davon, in seine Kraft kommt und die Welt wieder neugierig erkunden kann.

Hat sich die Angst einmal beruhigt, fallen Kindern meist selbst die besten Ideen dafür ein. Sie sollen spüren, dass ihre Eltern Ihnen zutrauen, dass sie es aus eigener Kraft schaffen können. Dass sie stark genug sind, um über ihre Angst hinauszuwachsen.

Nähe ist also unabdingbar, wenn sie an ein Verhalten geknüpft wird, das dem Kind dabei hilft, das Vertrauen in sich selbst zu entwickeln, mit seiner Angst umzugehen und damit fertig zu werden.

Aktiv gegen die Angst anzugehen, ist besser als passiv zu bleiben.

Wenn Menschen etwas aus Angst tun beziehungsweise nicht tun, dann hat die Angst gesiegt. Sie liefern sich der Angst aus. Das gilt für Kinder und natürlich auch für uns Erwachsene.

Angst dirigiert uns und engt unser Leben und unseren Handlungsspielraum immer mehr ein. Kinder machen die Erfahrung, dass die Angst kleiner wird, wenn sie sich unter dem Rock ihrer Mama verstecken. Das fühlt sich gut an. Unser Gehirn mag gute Gefühle, also lernt es die Angst zu vermeiden. Bekommt es nicht Gelegenheit, auch noch andere Erfahrungen zu machen, entwickelt sich Vermeidung zu seiner (einzigen) Bewältigungsstrategie.

Deshalb ist es wichtig, der Angst etwas dagegen zu halten. Sie zu überwinden. Sich selbst zu beweisen, dass die Angst nicht immer recht hat, mit den Botschaften, die sie uns schickt. Dann muss ich zwar durch die lähmenden Angstgefühle durch und sie aushalten. Doch wenn ich sie erst überwunden habe, stellen sich erst recht gute Gefühle ein. So ein Erfolgserlebnis zu verbuchen macht Kinder richtig groß und stark. Das macht was mit ihrem Selbstbewusstsein und mit dem Bild, das sie über sich haben.

Also heißt die Devise: sich trauen, trotz der Angst etwas zu tun.

Wie können Sie Ihrem Kind aus der Angst helfen?

Mitfühlen statt Mitleiden ist wichtig
Die Angst Ihres Kindes zu erkennen ist etwas anderes, als sich von der Angst Ihres Kindes anstecken zu lassen. Wenn Sie selbst voller Angst sind, dann kämpft Ihr Kind nicht nur mit seinen eigenen Gefühlen, sondern auch mit den Ihren. Weil dann nämlich Ihr Kind Ihre Angst schon übernommen hat.

Schenken Sie liebevolle Aufmerksamkeit
indem Sie seine Angst sehen und ernst nehmen. Versuchen Sie gemeinsam mit Ihrem Kind zu verstehen, was in ihm die ängstlichen Gefühle ausgelöst hat. Packen Sie gemeinsam in Sprache, was sich da gerade abspielt (in seinem Körper, seinem Kopf und seiner Welt). Damit sind Sie für Ihr Kind liebevoll da und geben seinen Gefühlen Raum und Worte. Genau das braucht es jetzt, um sich erstmal zu beruhigen. Meist wird die Angst dadurch schon ein wenig kleiner.

Werden Sie sich Ihrer eigenen Unsicherheiten bewusst
Gute Eltern müssen nicht ohne Angst sein. Wichtig ist es zu erkennen, wenn man sich unsicher, hilflos und vielleicht ohnmächtig fühlt. Wir sind alle nur Menschen. Manchmal ist eine Sache für uns selbst nämlich sogar viel schlimmer. Dann machen wir ein Drama draus, was die Angst und die Reaktion darauf nur noch verstärkt.

Sprechen Sie darüber, wenn Sie offensichtlich belastet sind: „Ich habe mich fürchterlich erschrocken. Mein Herz schlägt ganz wild. Aber ich sehe, es ist jetzt vorbei.“ Auch ein „Lass uns mal überlegen…“ kann hilfreich sein und damit selbst auf Lösungsmodus schalten. Übrigens lieben Kinder es, uns Erwachsenen zu helfen. Auch das kann ein hervorragender Angst-Brecher sein: Gemeinsam mit Mama und Papa zu überlegen.

Finden Sie gemeinsam Möglichkeiten

Brechen Sie die Angst auf, indem Sie Ihrem Kind zeigen, was es noch für Möglichkeiten gibt. Angst engt unsere Sichtweise ein. Sie macht einen Tunnelblick. Das geht sogar uns Großen so, und erst recht unseren Kindern – die ja noch viel weniger Erfahrungen in ihrem Leben gemacht haben. Hier helfen gezielte Fragen. Schauen Sie mit Ihrem Kind, welche Gedanken ihm die Angst schickt und prüfen Sie mit ihm, inwieweit diese Gedanken überhaupt stimmen. Oder ob es noch andere Möglichkeiten gibt, die Situation zu bewerten. Möglicherweise finden Sie eine Sichtweise, die die Bewältigung der Angst erleichtert.

Herzlich Ihre
Simone Fröch


Bild: © katja naumova / fotolia.com