Ihr Kind hört erst, wenn Sie explodieren? – Vielleicht leiden Sie am Nettigkeits-Syndrom?

Warum hören die einen Kinder auf ihre Eltern und die anderen nicht? Nicht etwa, weil die einen die schlimmen Kinder haben und die anderen die braven.

Nein, weil manche Eltern einen Unterschied machen zwischen einer entschlossenen Ansage und einem höflich vorgetragenen Wunsch.

Lisa spielt tief versunken. Da dringt die Stimme der Mama von der Küche ins Wohnzimmer: „Lisa, schlafen gehen.“ Und nochmal: „Lisa, bitte komm jetzt, Bettgehzeit.“ Schließlich kommt die Mutter herein und versucht erneut, Lisa zum Hören zu bringen, diesmal mit Erklärung: „Lisa bitte, wenn du jetzt nicht schlafen gehst, dann bist du morgen früh nicht ausgeschlafen.“ Jetzt hört Lisa Mamas Bitte und entgegnet: „Ich will nur noch…“ und so weiter, bis ihrer Mama schließlich der Kragen platzt und sie Lisa lauthals anschreit: „Sag mal, kannst du nicht einmal zuhören. Ich meine es ernst. Komm jetzt endlich! Wenn ich sage Schlafengehen, dann will ich, dass du schlafen gehst.“ Lisa schaut ihre Mama mit großen Augen an und beginnt schluchzend zu weinen.

In meinen Elternberatungsstunden sehe ich immer wieder, wie sehr engagierte Eltern darum bemüht sind, eine gute Beziehung zu ihren Kindern zu pflegen – aber es mit „immer nett sein“ verwechseln.

Ein Kind ist ein Kind. Es ist kein Erwachsener. Es braucht neben der warmherzigen Beziehung auch Klarheit und Führung durch die Eltern.

Der Tonfall macht die Musik

Es ist wichtig für Kinder, unterscheiden zu lernen zwischen einer Aufforderung im Sinne einer Regel und einer Bitte. Bei einer Bitte darf es sich aussuchen, ob es ihr nachkommt oder nicht.

Ich kann in bettelndem und unterwürfigem Ton sagen: „Biiiitte Lisa hör jetzt auf.“ oder ich kann klar und bestimmt mit fester Stimme sagen: „Lisa, ich will dass du jetzt aufhörst!“

Sie helfen Ihrem Kind, Ihre Botschaft zu verstehen, indem Sie Unterschiede machen, wie Sie etwas sagen. Dabei hilft vor allem Ihr Tonfall. Wenn Sie wieder und wieder in derselben Tonlage zu Ihrem Kind sprechen, obwohl Ihr Zorn innerlich mit jeder Wiederholung steigt, hat das Kind keine Chance zu bemerken, wie ernst es Ihnen ist. Das ist auch der Grund, warum Kinder oft erst zu hören scheinen, wenn man laut und grantig wird: Weil es jetzt auf einmal deutlich wird, dass Mama und Papa es ernst meinen.

Ganz wichtig: Eine klare, sachliche Botschaft muss keinerlei Härte oder gar verletzende Töne enthalten!

Ihr Kind leidet, wenn Sie keine klaren Ansagen machen

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind wird größer und es kann nicht lernen, dass ein sachlicher Ton manchmal angebracht ist. Es gibt im Leben klare Grenzen, die uns gesetzt werden. Und es ist auch wichtig, dass wir selbst für andere klar erkennbare Grenzen setzen. Niemand kann eben immer das tun und bekommen, was er möchte. Kinder lernen durchs Nachahmen. Wenn Sie unterscheiden, wann Ihnen was wie wichtig ist und wenn Sie sich behaupten, dann lernt Ihr Kind, dass es das ebenfalls tun darf und wie es auf gute Weise geht.

Das wirklich Fatale beim „Null auf 100-Modell“ ist, dass das Kind nicht spüren kann, wie es Ihnen geht. Sie sind nett, nett, nett und nochmal nett und plööööötzlich explodieren Sie. Das macht Sie unberechenbar für Ihr Kind. Wie soll es wissen, ob es heute nach dem 1. oder dem 99. Mal ernst wird? Außerdem macht es die Erfahrung, dass es jederzeit aus scheinbar heiterem Himmel von so einer Explosion getroffen werden kann. Kein schönes Gefühl!

Noch ein wichtiger Aspekt betrifft die Fähigkeit zur eigenen Selbstkontrolle – denken Sie auch hier wieder an das Nachahmen: Für einen guten Umgang mit den eigenen Gefühlen, ist es wichtig, diese möglichst frühzeitig zu erkennen. Wächst in einem der Ärger, dient das dazu, das Verhalten an die jeweilige Situation anzupassen. Eine Situation schwelen zu lassen und dann zornig zu werden, verunmöglicht es auch dem Gegenüber, aufsteigende Gefühle rechtzeitig zu registrieren. Ihr Kind soll also merken, wenn etwas ernst ist und es darf durchaus mitbekommen, dass Sie jetzt die Geduld verlieren.

Das Allerwichtigste für unsere Kinder ist das Gefühl der Sicherheit. Mama und Papa haben die Führung. Die wissen, was zu tun ist. Klartext ist nicht immer das, was ein Kind in der aktuellen Situation hören möchte, doch er wird dann akzeptiert, wenn das Kind weiß, dass es sich auf Sie – und Ihre klaren Ansagen – verlassen kann.

Früher ernst werden ist besser als späteres Schreien. Wie Sie es erst gar nicht so weit kommen lassen.

Achten Sie also darauf, dass Ihre Botschaft klar bei Ihrem Kind ankommt, indem Sie sich im Vorhinein bewusst machen, was Sie wollen und wie wichtig Ihnen das in der jeweiligen Situation ist. Nur so strahlen Sie Sicherheit aus.

Dazu gehört auch, dass Sie sich die Aufmerksamkeit Ihres Kindes holen. Lisas Mama beispielsweise sollte nicht nebenbei aus der Küche rüber rufen, sondern zu Lisa gehen, sie direkt ansprechen und Blickkontakt aufnehmen und dann zuerst eine freundliche, beim 2. Mal bereits eine sachliche und beim 3. Mal eine sehr ernste Ansage machen, dass jetzt Zeit zum Zähneputzen ist.

Damit sind die meisten Diskussionen schon eingedämmt.

Und wenn Sie im Umgang mit Ihrem Kind mal ungeduldig, sauer oder sonst was werden, dann geht es darum, die Gefühle ernst zu nehmen und adäquat und gewaltfrei zum Ausdruck zu bringen – bevor sie schwelen und Sie irgendwann dann doch explodieren! Eine simple und wirksame Methode ist es, das Gefühl auszusprechen: „Ich merke gerade, dass ich zornig werde. Du siehst es sicherlich in meinem Gesicht und hörst es am Klang meiner Stimme.“

Kleiner Tipp: Sie können sich selbst auch auf einem Handy aufnehmen und sich anhören, wie Ihr entschlossener Tonfall klingt!

Herzlich Ihre
Simone Fröch


Anmerkung: Nichts hilft immer. Wenn Sie alleine nicht weiter kommen, dann kann die Begleitung einer Expertin hilfreich sein.

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